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Ein Brief aus Bournemouth

europeflagVon Horst Tippkötter

2014   –   was für ein denkwürdiges, erregendes Jahr neigt sich seinem Ende zu, für meine Familien in Deutschland, in England und in Schweden, für unsere drei Heimatländer, für ganz Europa.

Zuerst die mit Abstand wunderbarste Nachricht: Wir waren beglückt, dass unser Sohn und seine Frau im April Eltern eines gesunden, hübschen und bezaubernden kleinen Jungen geworden sind. Er heißt Florian Rafael und wird im Dezember getauft. Wie schön, wie ermutigend, auch für die Großeltern, die nicht tagein, tagaus die unmittelbare Verantwortung für den kleinen Jungen tragen, für den deutschen Opa und die englische Grandma, oder, wie man in Schweden sagt, für „farfar“ (den Vater des Vaters) und „farmur“ (die Mutter des Vaters), und natürlich gleichermaßen für „murmur“ und „murfar“.

2014   –   das ist  auch das  Jahr vieler Gedenktage gewesen, allen voran des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, des „Großen Kriegs“, wie er bis heute in Großbritannien genannt wird.

Ich habe in den vergangenen Monaten, zusammen mit vier deutschen Freunden, viel über die Vorgeschichte dieser europäischen „Urkatastrophe“ gelesen und diskutiert und stets gehofft, mehr über die Ursachen, Anlässe und Lehren zu erfahren, die dieses tragische Kapitel  der Geschichte Europas für uns heutige Bürger enthält.

Das von dem an der Universität Cambridge lehrenden Historiker Christopher Clark verfasste Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ hat mir dabei besonders gute Dienste geleistet, zumal es die bei uns in Deutschland über Jahrzehnte dominierende These von der Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkriegs begründet in Frage stellt.

2014   –   das war auch das Jahr der Wahlen zum Europaparlament im Mai. Aus diesem Anlass  habe ich im Vorfeld dieser Wahlen zusammen  mit meiner englischen Frau Patricia das Schlachtfeld an der Somme in Rancourt besucht, um meines Onkels Heinrich Horstmann zu gedenken, der am ersten Tag der Sommeschlacht am 1. Juli 1916 bei Thiepval gefallen ist und vermutlich nach dem Krieg in einem Massengrab bei Rancourt beigesetzt wurde. Wir haben an ihn und seine Kameraden gedacht, an die mehr als 800.000 gefallenen britischen Soldaten, an die französischen Gefallenen und an die aus vielen anderen Nationen stammenden jungen Männer, die in diesem Krieg umkamen, die zuvor vermutlich ein glückliches Leben führten, bis dieser Krieg sie verschlang, Kanonenfutter…

Helmut Kohl, der große deutsche Bundeskanzler, hat immer nachdrücklich die Ansicht vertreten, dass „Europa“ eine Frage von Krieg und Frieden sei und bleibe. Lange Zeit haben selbst Angehörige meiner Generation, die den Zweiten Weltkrieg noch als Kinder miterlebt haben, das für eine Übertreibung gehalten.

Wenn ich allerdings das Ergebnis der Wahlen zum Europaparlament betrachte, wenn ich an die anschwellende Woge des wieder erstarkenden Nationalismus und Populismus denke, wenn ich Herrn Putin sehe, der offenbar das Russische Imperium wieder errichten will („Russland ist, wo Russen leben!“), dann sind meine Schlussfolgerungen als europäischer Bürger, dessen Familien in drei Ländern leben, eindeutig:

Fallt nicht auf die nationalistischen und populistischen Rattenfänger herein!

Habt keine Angst vor ihnen!

Bleibt gelassen und tretet konsequent für Freiheit und Frieden ein, 

in Europa und in der Welt.

Die Probleme des europäischen Einigungs- und Verständigungsprozesses, die oft genug berechtigten Anlass zur Kritik geben, werden wir mit Geduld und  Toleranz und auf demokratische Weise lösen. Das Gedenken an die zahllosen jungen Menschen, die ihr Leben für ihre Heimat, für Freiheit und Frieden in Europa einsetzten und verloren, wird uns dabei helfen:

We will remember them!

 

Horst Tippkötter
Horst Tippkötter

OStD i.R. Dr. Horst Tippkötter, Leiter des Werner-Heisenberg-Gymnasiums in Leverkusen von 1986 – 2001, stellvertretender Vorsitzender des Freundeskreises Bracknell Leverkusen e.V. von 2001 – 2006, Mitglied der Europa-Union Leverkusen seit vielen Jahren, lebt in Bergisch Gladbach und Bournemouth.